US-Rocks rock!

Is it worth it? Diese Frage hören wir hier in den USA jedesmal, wenn wir ausserhalb des Autos unterwegs sind. Kaum ist ein Aussichtspunkt ein paar Meter entfernt vom Parkplatz oder abseits des Wanderweges wird man gefragt: «Lohnt es sich?» Hier scheinen entweder viele sofort am Limit ihrer Ausdauer zu sein oder sie wollen so effizient wie möglich durch die Nationalparks kommen. So antwortete auch schon auf ein «ja unbedingt!» jemand mit: «oh man, really? Now I have to go.» Als wäre es super viel Aufwand. Wenn wir jeweils auf dem Rückweg einer Wanderung sind, werden wir bestimmt von jeder zweiten Person angesprochen, wie weit und wie lange es noch bis zum Ziel dauert. Ob wir ganz oben gewesen seien? Und wenn wir das bejahen, dann kommt zurück: «Wow, good for you!» oder kopfschüttelnd: «And you‘re already back?» Manchmal schnappen wir auch Gesprächsfetzen beim vorbeigehen auf: «Look! For them it‘s a stroll! They‘re just strolling!» oder «They walk over the rocks like mountain goats!» Entsprechend ist unser Selbstbewusstsein massiv gestiegen. Zuhause beim Wandern wird man ja eigentlich gar nie komplimentiert, dafür umso öfter überholt.

Was haben zwei Cowboys, zwei wohlhabende Damen und ein Schwede gemeinsam? Ein grüner Tisch.

Ein Tafelberg im Süden von Colorado heisst Mesa Verde und wird durch den gleichnamigen Nationalpark geschützt. Das liegt aber weder an der speziellen Geologie, noch an der Flora oder Fauna. Hier haben die Pueblo People über mehrere Jahrtausende gelebt. Erst lebten sie rund um und später auf dem Plateau. Dort bauten sie Mais, Kürbis und Bohnen an, jagten und wohnten in Grubenhäusern. Sie waren super Korbflechter und aussergewöhnlich talentierte Töpfer. In den letzten paar Jahrzehnten zog es die Bewohner schliesslich in die Klippen der Schluchten. Dort bauten sie in Nischen und Überhängen Häuser und ganze Paläste. Wieso das Volk dahin zog und wieso sich kurze Zeit später die Spur verliert und alle Behausungen verlassen wurden, entzieht sich der aktuellen Erkenntnis. Man vermutet, dass das Volk im 13. Jahrhundert weiterzog, weil es in dieser Region über mehrere Jahre hinweg eine Dürre gab.

Wiederentdeckt wurden die Ruinen von den Ute Indianern und den benachbarten Cowboys, den Wetherills Brüdern. Diese veranstalteten schon im 19. Jahrhundert Touristentouren, wobei die Touristen damals alles mitnehmen durften, was sie fanden und transportieren konnten. So landete hier 1891 der Schwede Nordenskiöld und verkaufte mehrere hundert Artefakte nach Europa an ein Museum in Finnland. Immerhin war er ein Mann der sich in wissenschaftlichen Methoden auskannte und dokumentierte alles feinsäuberlich in Text und Bild. Seine Gier rief aber zwei Damen auf den Plan, welche mit vollem Einsatz über mehrere Jahre dafür kämpften, dass solche Artefakte geschützt werden müssen. Dank Virginia McClurg und Lucy Peabody wurde das Gebiet 1906 unter Schutz gestellt und der «Federal Antiquities Act» beschlossen. Insgesamt hat man mehrere tausend Grubenhäuser und mehrere hundert Klippenhäuser gefunden.

Was für ein Paukenschlag zu Beginn, right? Wir waren total hin und weg! Vor allem, dass wir so kurzfristig einen Platz in zwei Touren bekamen, um die Ruinen zu besichtigen. Wir sind nämlich im Moment wieder richtig planlos und spontan unterwegs und werden ständig überrascht, dass man hier im Südwesten an vielen Orten nur mit Tour oder Reservation hinkommt. Da es der wohl beliebteste Ort der USA für Reisende ist, sind viele Destinationen elend überlaufen. Dies führt dazu, dass die besonders schützenswerten Regionen den Menschenmassen ausgesetzt sind und somit eher das Gegenteil passiert. Dieses Problem zeichnete sich schon vor Jahren ab, weil auch die US-Amerikaner ihre Nationalparks beinahe zu Tode lieben. So gibt es mittlerweile in vielen Parks Shuttlesysteme, wo man nur noch mit einem Bus die Scenic-Drives fahren kann und das Auto ausserhalb des Parks abstellen muss. In den letzten Jahren kam ein weiteres Mittel zur Bewältigung der Massen dazu. Das sind sogenannte «timed-entry-slots». Man muss vorgängig ein Zeitfenster reservieren, an welchem man in den Park hineinfahren bzw. eine spezifische Wanderung machen will. Somit verteilen sich die Besucher über den Tag und es führt nicht zu masslos überfüllten Wanderwegen um 10 Uhr. Und eine Besonderheit des Systems spielt uns Träumern super in die Hände. Man kann zwar schon Monate zuvor Plätze reservieren und die sind auch direkt ausverkauft, aber am Abend zuvor wird ein letztes kleines Kontingent freigeschaltet und da schlagen wir jeweils zu.


Zum Glück ist der Kontinent so gross, dass sich ausserhalb der Parks die Menschen gut verteilen. Zum Beispiel im Monument Valley kann man sich sehr gut frei bewegen und die Landschaft geniessen. Hier fühlt man sich dauernd so, als wäre man in einem Werbespot oder Western Film. Irgendwie erkennt man all diese markanten Berge wieder, aber kann sie nicht platzieren. Bestimmt hat man jeden schon Mal auf irgendeinem Plakat oder in einem Film gesehen. Die einzige Stelle an die wir uns wirklich erinnern, ist die Strasse mit den Monuments im Hintergrund. Denn genau hier hielt Forrest Gump an und beendete seine unendlich lange Joggingstrecke quer durch die USA. Könnt ihr euch auch daran erinnern?

In der Wüste ist die Luft so klar und der Himmel so blau. Wir sind die ganze Zeit nur am staunen, wie der rote Stein mit dem blau harmoniert. Es ist aber auch warm und mega trocken. Wenn man irgendwo Wasser sieht, dann ist es immer weit weg in einer tiefen Schlucht. Wie hier bei den Goosenecks (Gänsegenicken), wo der San Juan Fluss sich windet wie eine Schlange.

Gefühlt an jeder Ecke gibt es eine coole Felsformation oder eine tolle Schlucht und so kommen wir nur langsam vorwärts, obwohl die Strassen leer sind und es kaum Verkehr hat. Manchmal ist es aber auch die Strasse selbst, die zum Staunen einlädt. Wir haben uns auf der Fahrt in Richtung Felswand immer gewundert, wo wohl die Strasse hinführt. In einen Tunnel? Fahren wir nach links oder rechts? Nein, immer gerade auf die Wand zu und plötzlich wird aus Asphalt Kies und Carmen bekommt die undankbare Aufgabe, mit dem Van die Felswand hochzuklettern. Phu, da haben wir beide geschwitzt. Stellenweise ist die Strasse grade so breit wie unser Bus und danebeb geht es steil runter.

Und wenn man es mit Gemütlichkeit, Ruhe und Gemütlichkeit probiert, dann landet man immer wieder an tollen unscheinbaren Orten. Wie zum Beispiel bei einem super kleinen Klippenhaus, welches wir auf einer kleinen Wanderung durch einen trockenen Flusslauf erreichten.

«Newspaper-Rock», welcher Zeichen und Formen unterschiedlichster Kulturen vereint. Die wohl ersten Gravuren stammen von den Fremonts und Pueblo Kulturen und wurden ergänzt durch solche von Utes und Navajos und den ersten europäischen Siedlern. Auf dem Fels vereinen sich also Figuren aus einer Zeitspanne mehrerer tausend Jahre. Was sie bedeuten und für was sie gemacht wurden, ist nicht klar.

Von Moab aus fuhren wir in den atemberaubenden Arches National Park. Und wie es der Namen schon sagt, gibt es hier hunderte von Steinbögen. In dieser Region wurde eine Gesteinsschicht genau so aufgestellt und von Wind und Wetter so bearbeitet, dass sich ganz viele parallele Rippen gebildet haben. Das Regenwasser, das in die Spalten rinnt bearbeitet die Seitenwände so lange, bis sich ein Loch bildet. Einige sind noch in der Entstehung oder super klein. Andere sind schon zerfallen und wieder andere sind in ihrer Blühte. Der beliebteste ist der «delicate arch» er steht auf einem Felsen und kann über eine kurze Wanderung erreicht werden. Wer Morgens um 5 Uhr da ist, kann allenfalls alleine dort hingehen. Da er in den sozialen Medien unendlich gehypt wird, läuft man bei Tageslicht schon in Einerkolonne und so schauen wir ihn uns nur vom Aussichtspunkt an.

Für uns der schönste war der «landscape arch» mit einer Spannweite von 88.4 Meter einer der grössten der Welt! Eigentlich wollten wir nur bis hier hin spazieren und wieder umkehren. Aber dann zog uns der Devils garden irgendwie an und plötzlich wurde aus ein paar Meter spazieren eine 12 Kilometer Wanderung. Ups.

Die sonst schon grossartige Landschaft, die in der Morgen-, Mittag-, Abend- und Nachtstimmung brutal schön ist, ist mit solchen Gesteinsbögen gleich noch schöner. Geht denn das überhaupt?

Es geht. Seht selbst:

Quasi der unbeachtete Nachbar des Arches Nationalpark ist der Canyonlands National Park. Er liegt auf der anderen Strassenseite und bietet wunderschöne Panoramavistas über die gigantischen Schluchten, die der Green River und Colorado River hier bei ihrer Zusammenkunft in den Boden gefressen haben. Oder, man würde diese Panoramavistas haben, wenn es besseres Wetter wäre. Immerhin sind die Wolken hoch und der Canyon tief, so dass man zwischen durch sieht. Aber weil es immer wieder regnet, ist unser Besuch hier eher kurz. Diese Region ist ein Bubentraum für alle 4x4 Fanatiker. Da führen Strassen durch Regionen, wo eigentlich keine Strassen durchführen sollten.

Und wenn wir grad bei Schluchten sind, kommen wir zur wohl lustigsten Schlucht aller Schluchten. Der Gobblin Canyon heisst genau so, wie er aussieht. Ein Tal voller kleiner witziger Gesteinsformationen, die aussehen wie kleine Gnome. Wir vergassen komplett die Zeit, als wir durch diese ulkigen Figuren schlenderten. Erst im Slalom durch die Freistehenden, dann durch einen mehr oder weniger trockenen Canyon, in enge Schluchten und über kleine Grate auf einen Hügel und im Zickzack zurück.

Wie ihr auf den letzten Bildern gesehen habt, verdüsterte sich der Himmel immer mehr und in dieser einen Nacht entleerte sich der gesamte Himmel an genau einer Stelle in Utah und zwar dort, wo wir im Bus in unsere Decke eingehüllt schliefen. Beziehungsweise zu dem Zeitpunkt schliefen wir nicht besonders tief. Wir schickten Stossgebete dem Himmel entgegen, dass doch bitte unser Bus nicht weggeschwemmt werde. Am Morgen stand der Platz unter Wasser. Nur mit Wanderschuhen und grossen Umwegen erreichten wir das Toilettengebäude. Einige unserer Nachbarn konnten nur dank Holzpaletten, die der Besitzer brachte, über die grossen Wasserlachen aus ihrem Schlafgemach entkommen. Ganz langsam und vorsichtig erreichten wir die Strasse und fuhren erleichtert los, bis wir nach wenigen Minuten vor der überfluteten Strasse standen. Wartende Pkws säumten die Strassenseite, während Pflug und Bagger den Schlamm von der Strasse räumten. Die Strassenräumer meinten, dass wir mit unserem Bus bestimmt gut durchs Wasser kommen. Super angespannt hinter dem Lenkrad, rollten wir durch die Wassermassen und kamen mit einem neuen grauen Lack rund um den Bus auf der anderen Seite wieder raus. Die Stimmung nach dem Regen und Nebel war aber super schön und am Mittag war alles wieder trocken und der Himmel stahlblau.

Durch den starken Regen war die Strasse an einigen Stellen mit Schlammresten bedeckt und im Capital Reef National Park mussten mehrere Wanderwege und Strassen geschlossen werden. So verbrachten wir dort nur einen Tag und spazierten zu weiteren Felsgravuren und einem Steinbogen. Die Umgebung rund um die Nationalparks ist natürlich genau so schön, aber schwieriger zugänglich, wenn man keinen 4x4 Geländewagen hat. So sehen wir meist nur den Teil direkt neben der Strasse.

Nach so viel Stein und Staub hat uns Carmen ein besonderes Juwel der Campingplätze ausgesucht. Im unscheinbaren Dorf Escalante gibt es einen Platz mit Duschhäusern, da fühlt man sich direkt in einem Spa-Hotel wieder. Leise Musik, Regendusche, Frotteetücher, Feuchtigkeitscreme und seifenfreie Duschgels. Und wenn man sich erfrischt hat, kann man direkt ins Autokino schlendern, in welchem etwa 8 unterschiedliche Oldtimer bereit stehen. In jedem Auto gibt es ein Radio, dass den Ton für den Film überträgt und eine kleine Heizung. Popcorn ist gratis und der Film alt. Wir amüsierten uns prächtig und genossen jede Minute.

Bryce Canyon, ist eigentlich gar kein Canyon sondern einfach nur eine erodierende Klippe. Durch die Erosion haben sich mehrere Amphitheater gebildet, die wie Märchenwälder aussehen. Der Hang ist übersäht mit riesigen Felstürmen die sich wie Schlösser aus dem Wald erheben. Nicht umsonst haben sie den Wanderweg «Fairylandloop» genannt. (Märchenlandrundweg)

Zion, einer der beliebtesten Nationalparks der USA. Alleine im Jahr 2021 kamen 5 Millionen Besucher. Weil der zugängliche Teil des Parks in einem engen Tal liegt, kollabierte das Verkehrssystem schon in den 90er Jahren. Mehrere tausend Autos kämpften sich durch die enge Strasse und versuchten einen der etwa 400 Parkplätze zu ergattern. Dank einem Shuttlebussystem ab dem Jahr 2000, ist wieder Ruhe eingekehrt. Da es mittlerweile mehr als doppelt so viele Besucher hat, kommt auch dieses System an seine Grenzen. Die beliebtesten Wanderungen sind nur mit dem Bus erreichbar und deshalb wurde auch hier das System mit den Zeitfenstern eingeführt. Aber weil es dermassen viele Menschen sind, ist es als Lotterie aufgebaut. Man bewirbt sich für bis zu sieben Zeitfenster und wird bis vier Uhr am Tag vorher benachrichtigt, ob man gewonnen hat. Wir haben einfach sieben Mal dasselbe Zeitfenster früh am Morgen gewählt und gewonnen. Die Wanderung war relativ kurz aber steil. Das wirklich interessante an diesem Weg ist aber das letzte Stück. Da klettert man über einen super engen Felsgrat an Ketten entlang zum Angels Landing. Einem Felsen, der ins Tal hinaussteht und von welchem man deshalb einen tollen Blick dem Fluss entlang hat. Und genau weil hier alles so exponiert ist, werden die Besucherzahlen limitiert und über den Tag verteilt. Wir haben auf dem Rückweg sehr viele getroffen, die umgedreht haben oder aus Panik zitternd sich an Metallstangen festklammerten. Den gesamten Weg nach unten, mussten wir mehr als ein Dutzend Mal erzählen, wie es war und wie der Runterweg ist.

Und wenn man einen Blog voll Steine und Canyons hat, dann darf der eine Canyon natürlich nicht fehlen. Der Grand Canyon. Das wohl grösste Loch der Welt.

Erst schlängelt sich der Colorado River noch schön brav durch den dünnen Horseshoe Bend, um sich danach in seinem königlich grossen Flussbett auszubreiten. Die Schlucht ist mehr als 400 Kilometer lang, bis zu 29 Kilometer breit und an der tiefsten Stelle 1.8 Kilometer Tief! Wobei der Fluss selbst von hier oben einem Rinnsal gleicht, im Vergleich zur gigantischen Schlucht, die das Wasser hier abgegraben hat. Trotz der riesigen Wassermassen die in diesem Flusssystem zusammen kommen, hat der Colorado River seit 1960 kaum mehr das Meer erreicht, weil die USA mit ihren Wüstenstädten soviel Wasser entnehmen und seit Jahren der Regen- und Schneefall in den Rocky Mountains abnimmt.

Wo es so viele Steine gibt, ist bestimmt auch irgendein Stein voll mit spiritueller Energie. Das ist in Sedona der Fall. Ein Ort voller Energiewirbeln und Schwurblern. Jeder zweite Laden verkauft magische Steine, Tücher, Bücher, Puder und Duftzeugs. Abgesehen davon ist die Landschaft hier phänomenal schön. Alles ist grün, bis auf die roten Steine. Die Stadt selbst verschwindet beinahe in der Landschaft, weil keine hohen Häuser erlaubt sind und alle in Erdtönen bemalt werden müssen. Selbst McDonalds durfte kein goldenes M aufstellen und musste alles gelbe in sanften Türkisfarben umgestalten.

Und wenn ihr uns jetzt fragt, lohnt es sich? Müssen wir euch ganz ehrlich sagen. Ja.

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