Der wilde Westen der USA

Manchmal amüsieren wir uns köstlich darüber und andere Male hinterlässt das Lesen der Sicherheitsbestimmungen nur Kopfschütteln. Hier in den USA haben viele Menschen das eigenständige Denken verloren oder das spezielle Rechtssystem führt zu irrsinnigen Auswüchsen. Wir haben für Warnungen an unserem Gasherd im Van zum Beispiel vollstes Verständnis. Auch wenn der Zusatz: «…and results in death or serious injury», mittlerweile zum geflügelten Wort wurde und wir es immer mal wieder verwenden. Das steht nämlich überall. Man hat das Gefühl, dass hier alles zum Tod oder ernsthaften Verletzungen führen kann. Echt alles.

Es ist ja schön und gut, wenn man vor ernsthaften Dingen, wie brennbarem Gas, gewarnt wird. Wir kamen aber schon an kürzesten Wanderwegen vorbei mit einem Schild, das dringend vom Begehen abrät, wenn man gesundheitliche Beschwerden hat oder Schwanger ist, weil das, ihr ahnt es schon, zu ernsthaften Verletzungen oder zum Tod führen kann. Da gibt es ganze Abhandlungen zum Thema, für wen der Weg geeignet ist, wie lang, wie steil, wie hoch er ist. Mittlerweile können wir auch die Schwierigkeitsgrade der Wanderwege gut einschätzen.

Easy: asphaltiert und eben; Moderate: Kiesweg und eben; Strenuous: stinknormaler Wanderweg


Weitere lustige Warnungen sahen wir zum Beispiel auf einem Berggipfel, wo man vor Geröll, herumliegenden Ästen, Löchern und allfälligem Glatteis gewarnt wird. Hier muss man schriftlich auf alles hinweisen, damit der Landbesitzer nicht haftbar gemacht werden kann. Und hier beginnt es eigentlich erst mit dem Kopfschütteln. Auf der Teepackung steht, dass es nicht automatisch ein Allheilmittel ist und es sich nur um Kräuter handelt, die eine positive Wirkung haben könnten. Man soll besser zum Arzt geht, wenn es irgendwo weh tut. Auf der Yogamatte steht, dass man besser seinen Arzt fragt, ob man Yoga machen kann, weil es sonst zu ernsthaften Verletzungen und zum Tod führen kann. Ernsthaft?


Auf jeden Fall sind wir zurück in den USA und obwohl diese Art auch auf Kanada abfärbt, ist es hier um einiges extremer. Unser erster Stopp nach dem Grenzübertritt galt dem Glacier National Park. Er gilt bei vielen als der schönste aller Nationalparks. Wir finden ihn auch schön, können jedoch den Hype nicht ganz nachvollziehen. Denn die vielen Gletscher, auf die der Name hinweist, sind leider schon bald Geschichte. Unser ganz persönliches Highlight in diesem Park: ein Elchbulle, den wir von einer Fussgängerbrücke aus, neben unserem Campingplatz, entdeckten. Wäre er nicht im Gebüsch verschwunden, würden wir ihn wahrscheinlich jetzt noch beobachten.

Gefühlt ganz Kanada haben wir abgesucht und kaum sind wir einen halben Tag in den USA sehen wir ihn. Juhu!

Wir durchqueren Montana und die Landschaft ist echt beeindruckend. Auf der Fahrt durch den Staat und auch später dachten wir aber immer wieder, die ersten Siedler sind nicht zu beneiden. Die Strapazen der damaligen Reise durch diese trockenen Gebiete voller Gestrüpp, zu Fuss und mit Rosskutsche. Heute rast man einfach auf schwarzen Highways über die Ebene, Canyon runter und wieder hoch. Leider verpesten im Moment die Feuer an der Westküste die Luft mit ihrem Rauch. Obwohl x Kilometer dazwischen liegen, schmeckt man den Rauch auf der Zunge, der Rachen wird kratzig und die Sicht ist super schlecht. So verbringen wir nur zwei Tage in Missoula und fahren weiter in Richtung Süden, wo wir in Nevada City halt machen. Aus einer alten Goldgräber Stadt und weiteren Sammlerstücken wurde hier ein Park mit über 100 alten Gebäuden errichtet. Und wir finden es immer noch cool, durch die alten Häuser zu stöbern und die alten Möbel und Produkte zu bewundern. Zu unserer Überraschung hatten sie einen grossen Raum voller riesiger kunterbunter Chilbi-Maschinen (Für unsere deutsche Leserschaft: Jahrmarkt-Maschinen). Von musizierenden über Horoskop verratende bis spielbare Holzgeräte.

Und dann kam Yellowstone. Ein Nationalpark der Superlative. Wenn wir uns auf einen einzigen Park beschränken müssten, wäre es wohl dieser. Er ist entsprechend gut besucht und so sind wir froh, dass unsere Route uns erst nach der Haupthauptsaison hier hin führt. Herbst und Frühling sind mittlerweile definitiv nicht mehr Nebensaison aber trotzdem massiv besser. Die schiere Grösse von knapp 9000 Quadratkilometer (Graubünden & St.Gallen) und die gefühlte Unberührtheit dieses Parks ist schwer in Worte zu fassen. Der erste National Park der USA gibt einem richtig das Gefühl, hier fährt man durch den Bilderbuch wilden Westen. Wunderschöne Steppen mit gewundenen blauen, breiten Flussläufen. Grüne riesige Wälder durchzogen mit wilden Schluchten und Wasserfällen.

Und wenn man durch solche Landschaften fährt, dann fühlt es sich richtig natürlich an, dass man hier auch auf Bisons (bzw. Büffel) trifft. Denn die passen hier hin, wie die Faust aufs Auge. Wenn man da so am Strassenrand sitzt und der Büffelherde in der Steppe zusieht, fühlt man sich wie ein kleiner Indianer. Leider gibt es keine Herden im fünfstelligen Bereich mehr, aber hier im Park sieht man sie an jeder Ecke. Und da kommt es immer wieder mal vor, dass man in einem Bisonstau gerät. Und eines können wir euch versichern, wenn ein solches Tier auf der Strasse steht, geht so schnell nichts mehr weiter. Die schlendern zwei, drei Schritte auf die Fahrbahn und da sind sie und bleiben sie erstmal. Das kann gut und gerne ein paar Minuten dauern, bis sie sich entschieden haben, ob es nun weiter geht oder nicht.

Aber was ist das für ein fauliger Geruch? Und woher kommt all der Dunst, da am Waldrand, in der Ebene, in der Schlucht und am Fluss entlang? Der Grund steckt etwa 10 Kilometer tief oder eben nicht so tief unter unseren Füssen im Boden. Unter dem Yellowstone National Park lauert eine gigantische Magmakammer, die angeblich in den nächsten Jahrzehnten überfällig ist. Ein Ausbruch wäre um das Mehrfache grösser, wie die Eruption des Mt. Saint Helens (Blog: Pacific North West at it’s best). Und so drückt es an allen Ecken und Kanten oder besser gesagt aus allen Ritzen und Löchern. Es sprudelt, es brodelt, es blubbert, es dampft, es raucht, es stinkt. Wir dachten wir hätten grosse geothermale Areale in Neuseeland gesehen. Aber die hier stellen wohl alles andere in den Schatten. Ganze Ebenen sind gelb, weiss, grau, rot, orange und glucksen und spritzen vor sich her. Wenn nicht gerade irgendwo ein bunter Teich liegt, dann aber sicher ein blasenwerfender Schlammtümpel oder gar ein mehrere Meter hoch schiessender Geysir.

Und wem all diese flachen Matschebenen zu profan sind, für den gibt es noch die pompösen Mammoth Springs, wo das Thermalwasser über unendlich viele schneeweise Becken langsam von der Quelle ins Tal hinab fliesst. Aber was so hübsch und unschuldig aussieht, kann für Pflanzen schnell (oder in diesem Fall langsam) zum Verderben führen. Ein paar Bäume die zur falschen Zeit am falschen Ort wuchsen, wurden über Jahrzehnte hinweg langsam mit einem Kalkteppich umschlossen und ausgetrocknet. Pro Tag kommen auf diesen Terrassen etwa zwei Tonnen Kalk dazu!

Durch die vielen Erdbeben verändert sich die geothermale Landschaft jedes Jahr. Wo ein Geysir über mehrere Jahre jeden Tag zuverlässig um 5 Uhr ausbrach, steht heute eine schlafender Kalkturm. An anderen Stellen öffnen sich plötzlich Löcher und kochend heisses Wasser ergiesst sich durch den Wald und lässt die Bäume absterben. Der Old Faithful Geysir (links) ist das Markenzeichen des Parks und speit seit Jahrzehnten Pflichtbewusst alle 50 bis 120 Minuten heisses Wasser 32 bis 56 Meter hoch.

Neben sehr vielen unscheinbaren Tümpeln und ziemlich hässlichen Schlammlöchern gibt es auch ein paar Perlen der Natur. Dazu gehört das grosse Prismatic-Becken (drittes Bild) und das kleinere aber genau so schöne Morningglory-Becken (zweites Bild). Die Farben stammen von Mikroorganismen, die in unterschiedlichen Temperaturen zurecht kommen. Da wo das Wasser klar bzw. blau ist, ist es kurz vor dem Siedepunkt und frei von Leben. Darauf folgen die gelben Stellen mit 74°C, die rot-orangen mit 65°C und sobald es bräunlich wird 55°C. So hat man quasi bei jeder Quelle auch direkt ein natürliches Thermometer.

Um möglichst nah an die schönen Naturphänomene zu kommen und gleichzeitig weder sich selbst noch die Natur zu gefährden, haben sie hier kilometerweise Holzstege gebaut. Auf diesen kommt man trockenen Fusses und ohne Verbrennungen zu den tollsten Orten im Park.

Direkt anschliessend an den Park liegt im Süden der Tetons National Park. Bei unseren Versuchen, den Ort auszusprechen, mussten wir schnell lernen, dass es nicht «Tit’n» heisst. Man spricht es «Tiitoons» aus. Mit Betonung auf I und O. Gut, dass die Amis kein Deutsch können.

Hier holte uns leider wieder der Rauch von der Westküste auf und erst an unserem zweiten Tag, verbesserte sich die Sicht ein wenig. Die spitzigen Gipfel des Gebirges sind sehr speziell und die Landschaft lädt zum Wandern ein. Wir durften hier ausserdem einen gaaanz kurzen Blick auf einen weiteren Grizzly erhaschen und sahen einen Coyote beim Jagen im Sprung.

Eigentlich hätte uns unsere Routenplanung von Wyoming direkt nach Colorado zu den Great Sanddunes gebracht. Aber ein netter Herr aus Alaska, den wir im Yellowstone getroffen haben, riet uns davon ab. Wenn wir einen Haufen Sand sehen wollten, dann sollen wir ruhig dahin. Aber er kenne einen besseren Weg, auf welchem wir den schönsten Teil von Colorado sehen werden. Überredet. Der erste Ort heisst Dinosaur. Da muss man ja quasi nur schon wegen dem Namen hin. Wir fahren wieder durch endlose Weiten, Canyon runter, Canyon hoch und landen an einem Ort der aussieht, als hätte jemand seinen Malkasten ausgeleert. Die Berge sind kunterbunt gestreift und erzählen aus so ziemlich jedem Zeitalter. Und eine Schicht ist ganz besonders. Denn hier an der Grenze zwischen Utah und Colorado, haben sich die Erdschichten aufgestellt und durch die Erosion eine ganz spezielle Stelle freigelegt. Im Jahr 1909 entdeckte Earl Douglass eine Wirbelsäule, die aus dem Boden ragte. Nur 6 Jahre später wurde klar, dass hier eine Gesteinsplatte mit 1500 Dinosaurierfossilien gefunden wurde und man erklärte das Gebiet zu einem «National Monument». Nach dem die schönsten und grössten Skelette für Museen entnommen wurden, baute man einen riesigen Pavillon darüber und machte es für Besucher zugänglich. Jetzt kann man ein gigantisches Knochenmosaik bestaunen und darf einige der 150 Millionen Jahre alten Knochen sogar anfassen. Ausserhalb des Gebäudes gibt es ein paar Pfade auf welchen man sich selbst als Archäologe auf die Probe stellen kann. Prompt entdeckten wir mit der Zeit ein, zwei Knochen im Felsen. Man darf zwar alles anfassen, aber mitnehmen ist strengstens verboten. Führt zwar nicht zum Tod, aber zu saftigen Strafen und Gefängnis.

An diesen Felsen sind jedoch nicht nur die Dinoknochen spannend. Es wurden unzählige Petroglyphen entdeckt. Felsmalereien und Gravuren der früheren Menschen hier. Woher und wohin die Fremont sind, weiss man bis heute nicht genau. Entdeckt wurden die Malereien schon von den einheimischen Navajo Indianern. Sie sind wahrscheinlich 700 bis 2000 Jahre alt.

Auf der Colorado-Seite des Parks machten wir eine kleine Wanderung auf einem Berggrat und bewunderten die wunderschönen Schluchten. Der Green River der hier sein Becken in den Boden gegraben hat, fliesst später in den Colorado River, welcher durch den berühmten Grand Canyon fliesst. Hier sahen wir eine für uns zuvor völlig unbekannte Spezies. Ein Pronghorn. Das schnellste Tier von ganz Amerika.

Ironischerweise sind alle Dinoknochen auf der Utah-Seite des Parks aber auf der Colorado-Seite liegt das Dorf Dinosaur. Es hat nur 300 Einwohner und wir schenkten ihm eigentlich keine Beachtung. Wir haben uns aber auf unserem Ausflug etwas mit der Zeit vertan und gingen spontan in eine Dorfkneipe Abendessen. Wir waren etwas spät dran, aber der Besitzer kochte trotzdem noch für uns. Wir wurden grad pünktlich um 8 Uhr fertig mit Essen, wo auch das Restaurant schliesst, gerieten jedoch mit dem Besitzer ins Plaudern und bekamen Unmengen an Tipps, für die bevorstehende Strecke. Er und ein Gast kamen gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Es war super interessant, wie sehr sie die Einsamkeit hier in Colorado schätzen. Der Staat ist quasi ein Rechteck, dass über 6 mal so gross wie die Schweiz ist und 2 Millionen weniger Einwohner hat. Schlussendlich fuhren wir das aller erste Mal bei Nacht, weil wir noch eine halbe Stunde zum nächsten Campingplatz zurücklegen mussten.


Und plötzlich waren wir Zuhause! Ouray «Switzerland of America». Wir fanden, ganz unrecht haben sie nicht. Hier sieht es zur Abwechslung wirklich mal fast so aus wie Zuhause. An einigen Stellen sind die Felsen etwas zu rötlich und die amerikanische Bauart passt nicht ins Bild aber sonst, kommt schon etwas Heimweh auf. Die Passstrasse von Ouray nach Durango ist echt abenteuerlich und schön. Wir sind froh, haben wir auf unsere Bekanntschaften gehört und unsere Route leicht angepasst.

Auf den wilden Westen folgen jetzt noch 4 Wochen in der Wüste und dann gehts ab nach Hause. Wir freuen uns auf euch. Und unser Sofa.




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