Und noch ein Tempel

Während Agatha an der Südwestküste von Mexico auf Land traf und Verwüstung stiftete, hatten wir nur ein paar heftige aber kurze Regenschauer in Campeche. Der pazifische Sturm löste sich über dem Festland auf und bildete sich an der Ostküste von Yucatan erneut. Im Atlantik wütete der Sturm unter dem neuen Namen Alex und brachte Zerstörung über Kuba und Florida. Non-Binary zu sein ist also auch unter tropischen Stürmen akzeptiert.


Wir schlüpften quasi unter dem Sturm durch und fuhren in Richtung Süden nach Palenque. Von der eher trockenen und flachen Yucatan Halbinsel ging es hier in eine etwas hügeligere und feuchtere Region. Zwar liegt Palenque erst am Fusse der Gebirgskette Sierra Madre de Chiapas aber man spürt hier schon die ersten Ansätze. Die Bäume werden höher, das grün wird intensiver und alles ist dichter bewachsen. Wir sehen hier auch einiges mehr an Wildtieren.


Als wir in Palenque ankamen, liefen wir von der Busstation ins Cañada Quartier und waren beeindruckt, wie hübsch und anders das Dorf hier ist, im Vergleich zu den üblichen Dörfern. Gepflasterte Strassen (richtig und nicht wie sonst überall, wo sie auf die betonierten Trottoirs einfach ein Plättli-Muster draufdrücken), von Bäumen gesäumt und schöne Holzkonstruktionen mit Palmblätterdächern als Restaurants. Aber nach etwa 300 Meter überquert man eine Brücke und ist im richtigen Dorf mit Fake-Pflaster und alles ist wieder beim Alten. Also einfach ein kleines Touri-Quartier für den Edeltourismus. Dafür bezahlt man hier für genau dasselbe Essen gleich exorbitant mehr als ein paar hundert Meter weiter.


Wir sind aber nicht hier wegen des Dorfes sondern weil dies der Ausgangspunkt für die Ruinen von Palenque ist. Wir schnappen uns ein Colectivo am Strassenrand und fahren hin. Wie üblich wird erst ein paar Minuten nach Öffnungszeit gearbeitet. Trotz beinahe 30 Minuten Verspätung sind erst etwa sechs andere Besucher hier. Die Ruinen sind sehr eindrücklich und liegen mitten im Tieflandregenwald. Es fliessen mehrere kleine Bäche durch die Anlage. Es gibt alte Maya-Kanäle und hübsche kleine Wasserfälle. Beinahe alleine konnten wir durch den Wald und zwischen den alten Gemäuern umherschlendern. Es sind erst etwa fünf Prozent der Ruinen freigelegt und den Rest sieht man eigentlich erst, wenn man schon draufsteht. Sofern man es überhaupt merkt. Auf viele Pyramiden konnten wir hochsteigen und die dortigen Wandverzierungen und Innschriften bewundern. Anhand von Mauerresten und archäologischen Funden ist man sich heute ziemlich sicher, dass die ganzen Gebäude komplett verputzt waren. Die Fassaden und Wandverzierungen waren alle weiss, blau und rot bemalt und die Ecken mit grossen Ton-Masken behängt. Der Anblick musste also früher noch um einiges beeindruckender gewesen sein.

Am Ausgang der Ruinen besuchten wir spontan ein kleines Museum und waren überrascht wie gut es ist. Wir konnten uns anhand der Relikte und Modelle ein sehr gutes Bild machen, wie es hier mal ausgesehen haben muss.

Nach soviel Stein gönnten wir uns eine Abkühlung im Wasser eines Baches bei Roberto Barrios. Neben dem Dorf fällt das kristallklare Wasser über mehrere kleinere und grössere Stufen in kleine und grosse Becken. Diese Wassertreppe erstreckt sich bestimmt über eine Länge von einem Kilometer und lässt sich sehr schön zu Fuss und im Wasser entdecken. Man spaziert und klettert durch dichten Wald und steht immer wieder vor traumhaften Badeopportunitäten. Einige Stellen eignen sich als natürliche Rutschbahnen und andere werden durchströmt wie Whirlpools. Wir hatten einen riesen Spass. Findet ihr Carmen beim Baden?

Und jetzt fragt ihr euch, wann kommt endlich die nächste Ruine, mich interessiert das blöde Rinnsal nicht. Nur ruhig Blut, ihr kommt auf eure Kosten. Darf ich euch vorstellen? Becán. Wir befinden uns nun wieder zurück auf der Yucatan-Halbinsel und sind ziemlich genau mittig über Guatemala. Hier befindet sich diese besondere Ruine, die von einem Graben umgeben ist. Die Ruinenstätte kann über sieben Unterbrüche im Graben erreicht werden. Eine weitere Eigenart sind die eher komplexen Gebäude hier. Die Ruinen haben etliche verschachtelte Räume über mehrere Stufen. Wir hatten wohl nirgendwo so viele Freiheiten wie hier. Es gab unzählige Aussen- und Innentreppen, Tunnels und Räume zum erkunden.

Und obwohl die Öffnungszeit jeweils erst ab 8 Uhr ist, waren wir wieder mal die ersten. Es scheint im Moment wirklich wenig Touristen (die früh aufstehen möchten?!) zu haben. Wir geniessen es, aber für die Einheimischen ist es echt schwierig. Es gibt im Moment um einiges mehr Verkäufer und Tourguides die rumstehen und um unsere Aufmerksamkeit buhlen als Touristen. Die paar wenigen anderen Touristen die kommen, sind meist schon auf einer all inclusive Tour unterwegs und brauchen die Dienste vor Ort ebenfalls nicht.


So genug geschwafelt, ich merke schon die Nervosität aufkommen. Als nächstes gibt es eine ganz besondere Ruinenstätte. Calakmul. Etwa zwei Autostunden von Xpujil (Schpuhil) in den grössten Dschungel Mexikos. Immer in Richtung Grenze zu Guatemala, immer tiefer ins Naturschutzgebiet und weg von allem anderen. Kein Strom, kein Wasser, kein Netz. Der Inbegriff von Abenteuer. Wenn man nur nicht auf einer asphaltierten Strasse im klimatisierten Auto sitzen würde. Aber das vergisst man schnell, sobald man den Parkplatz ein paar Meter hinter sich gelassen hat. Man befindet sich im Dschungel, man sieht Affen und die buntesten Truthähne. Aber die monumentalen Pyramiden tauchen erst im letzten Moment auf und man steht plötzlich vor einer Wand aus Stein. Calakmul führte mehrfach Krieg mit Palenque und Tikal. Wobei Calakmul über längere Zeit die Macht über Tikal inne hatte. Sie gehört zu den drei grössten bisher entdeckten Maya-Stätten. Archäologen haben in der Umgebung schon über 6000 Strukturen und die grössten Wasserbecken der Maya-Kultur gefunden. Mehr als 200x200 Meter gross! Und trotzdem sieht man jeweils vom Fuss einer Pyramide nur Wald oder den Ansatz einer weiteren Ruine. Erst wenn man eine erklimmt und von der Spitze aus über die Baumwipfel schaut, sieht man an mehreren Stellen, wie Steintürme den dichten grünen Teppich durchbrechen. Hier steht angeblich die höchste Maya Pyramide in Mexiko mit 45 Meter Höhe.

Es hatte kaum andere Besucher und wenn man welche kreuzte, sah man allen das Staunen an. Wir waren jedoch etwas enttäuscht, als wir merkten, dass irgendwie alle Wege zur Akropolis gesperrt waren und wir das Gefühl bekamen, dass wir wohl auf den Teil verzichten müssen. In einer abgelegenen kleinen Ruine trafen wir einen Sicherheitsmann und fragten ihn, ob es denn wirklich keinen Weg zum restlichen Teil gibt. Er sagte uns, dass in dem Bereich einige Ruinen instabil sind und deshalb der Teil seit 2 Jahren abgesperrt ist. Er muss wohl die Enttäuschung in unseren Gesichtern gesehen haben, denn er fragte uns, ob nur wir zwei hier sind und niemand sonst in der Ruine sei. Wir bejahten und verneinten und so fragte er uns mit einem schelmischen Lächeln, ob er uns kurz die Akropolis zeigen soll. Wir waren nicht ganz sicher, ob wir ihn richtig verstanden hatten und sagten einfach mal ja. Dann ging alles schnell, er sagte wir sollen ihm folgen und er marschierte zackig auf das Absperrband los. Beinahe im Laufschritt folgten wir ihm in den Wald, bis wir ausser Sichtweite waren. Er erklärte uns, dass hier niemand hin darf und er eigentlich auch nicht. Aber wir einen Glückstag hätten. So führte er uns durch etliche Ruinen von alten Marktgebäuden über Wohnsiedlungen und Ballspielplätze bis zu einem Bereich, wo eine weitere «no pasar» Tafel stand. Auch hier schlüpften wir einfach hindurch und er führte uns durch wunderschöne Ruinen, an welchen die Archäologen noch arbeiteten. Im Moment sei das Projekt wegen Geldmangel gestoppt. Um so länger wir mit ihm unterwegs waren, um so mehr fing er an zu erzählen und es schien ihm Freude zu bereiten, uns Freude zu bereiten. Am Ende sagte er uns, dass wir jetzt wieder zügig unter dem Band durch müssen und dann so tun, als wäre nichts gewesen. Kaum unter dem Band durch, kannte er uns nicht mehr und wies uns die Richtung zum Ausgang.

Auf dem Weg zurück machten wir kurz Halt an einem Sumpfloch, welche hier rund um die Anlage zu Haufen existieren und Krokodile beheimaten. Kaum in der Nähe vom Wasser tauchen auch gleich noch mehr Tiere auf.

Nach soviel Stein gönnten wir uns? Na klar, eine Abkühlung im Wasser! In Bacalar, einem hübschen Dorf an der Ostküste, gibt es einen See, der sich aus etwa sieben Cenotes gebildet hat. Das Wasser ist super klar und wenn die Sonne hineinscheint, reflektiert das Wasser mehrere unterschiedliche Blautöne. Während der Regenzeit ist er sogar vom Meer her mit Booten erreichbar. So musste sich diese Stadt zur Zeit der Spanier mit einem Fort vor Piraten schützen. Mittlerweile scheint das Fort nur noch einen Nutzen zu haben: Platz zum sünnele für Leguane.

Mich. Interessiert. Das. Wasser. Nicht. Wo. Sind. Die. Versprochenen. Tempel!? HA! Da haben wir dich erwischt! Der nächste Tempel ist nämlich direkt am Wasser. Tja. Auch die Mayas schätzten Ferien am Strand und haben hier in Tulum an bester Lage einen Tempel errichtet. Wahrscheinlich war es nicht wirklich ein Strandhotel, der Tempel ist nämlich dem Gott des Windes und dem Bienengott gewidmet. Dafür gibt es jetzt an der ganzen Küste entlang hunderte von gigantischen Hotelkomplexen. Wobei schon die Eingangsportale an der Strasse mit der Pracht der Pyramiden konkurrieren. Entsprechend sind wir hier an der Tempelanlage um 7:50 Uhr zwar die aller Ersten, aber als es los geht stehen schon mehr als 100 Personen am Eingang.

…und noch ein Tempel. Mit Cobá kommen wir zur letzten Tempelanlage, die wir auf unserer Yucatan-Rundreise besuchten. Von Tulum mit dem Auto in einer guten Stunde erreichbar liegt sie ziemlich genau zwischen Tulum und Valladolid (kennt ihr den Ort noch?).

Wieder einmal waren wir die Ersten in der Anlage. Was machen die Leute hier bloss? Später am Tag wird es hier so unerträglich heiss. Gleich am Eingang stehen hunderte von Velos und Rikschas bereit. Die Ruinenstätte hat den Ruf, dass sie zu Fuss nicht machbar ist. Der Grund: Man muss etwa 5 Kilometer Weg zurücklegen, wenn man alle Ruinen anschauen möchte. Kein Grund für uns. Wir spazieren durch den Wald und geniessen die Einsamkeit und Ruhe. Hier darf man nur noch auf wenige Strukturen, die meisten sind aus Gründen der Sicherheit gesperrt. Die Ruinen hier sind in eher schlechtem Zustand. Was aber nicht verwunderlich ist, da diese Anlage schon lange vor Ankunft der Spanier verlassen war. Wieso, dass weiss man nicht. Denn es handelte sich um eine sehr grosse Anlage und muss früher eine grosse Bedeutung gehabt haben. Hier hatten wir sogar das Glück (da sind wohl nicht alle Lesenden damit einverstanden) zwei Schlangen zu entdecken!

Nach soviel Stein…? Wisst ihr schon was jetzt kommt? Gönnten wir uns eine Abkühlung im Wasser! Auf der traumhaften Isla Mujeres lassen wir jetzt die Seele baumeln und geniessen ein paar Tage Strandurlaub, bevor wir uns von Mexiko verabschieden müssen.

Zum Abschluss geben wir euch einen Blick hinter die Kulissen, wie wir all die tollen Orte in den Maya-Ruinen gefunden haben:


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