Vor und hinter der Fassade

Kann man ein gefährliches Ghetto noch ernst nehmen, wenn sechs Schindler Rolltreppen zwischen den Barracken den Hügel erklimmen? Wenn über den Ziegelbauten die Gondeln von Seilbahnen baumeln?

Wir sind in Medellín und sind fasziniert wie normal die Stadt wirkt. Es fühlt sich so an, als wäre die ganze Geschichte mit dem Drogenkartell nur ein Mythos. Klar gibt es arme Viertel und klar ist die Mordrate immer noch zu hoch, aber als Besucher der Stadt bekommt man davon beinahe nichts mit. Schliesslich wurde die Stadt vom Wallstreet Journal zur innovativsten Stadt gekürt. Das öffentliche Verkehrssystem von Medellín verfügt über die einzige kolumbianische Hochbahn und war die erste Stadt mit Seilbahnen. Der gefährliche Stadtbezirk "Comuna 13" wird seit 8 Jahren durch Rolltreppen erschlossen und mauserte sich zu einem beliebten Touristenziel. Das Gebiet eng um die Rolltreppen wird gut bewacht und ist von vielen schönen Graffitis verziert. Besucht man diesen Ort bei Tageslicht und verlässt den sicheren Bereich nicht, bekommt man ein trügerisches Bild. Denn genau hier ist die Mordrate immer noch am höchsten.

Von hier oben hat man einen tollen Blick über die Stadt und fragt sich unweigerlich, von wo kommen all die Ziegelsteine? In alle Richtungen bis zum Horizont reicht das Ziegelmeer und die Hügel scheinen beinahe zu verschwinden.

Im Stadtzentrum findet man viel europäische Architektur und viel Kunst von Fernando Botero. Der Künstler hat der Stadt viele seiner Kunstwerke gratis zur Verfügung gestellt und sie sind ein erheiternder Anblick. In einer hochmütigen Phase 1920 lies die Regierung den belgischen Architekten Augustin Goovaerts ein Meisterwerk von Palast planen und bauen. Nach vielen Geldproblemen und Verzögerungen wurde das Gebäude im Jahre 1970 durch andere Architekten mit stark beschränktem Budget beendet. Hier wird bewusst nicht von fertiggestellt oder vollendet gesprochen. Am Stilbruch auf dem Bild erkennt man, dass nach etwa 25 bis 50 Prozent des ursprünglichen Entwurfs, einfach eine Wand gezogen wurde.

Auf unserem Ausflug nach Guatapé, einem Paradies für Fassadenfetische, kamen wir an einem Stein vorbei. Falls der eine oder andere Boulderer diesen Blog liest, hier ist der Boulder schlecht hin. Für alle die nicht wissen was bouldern ist, hat es auch eine Treppe. Man nennt diesen Giganten "La Piedra" und ist sich noch nicht ganz sicher, wie er entstanden ist. Es führen über 600 Stufen 220 Meter hoch. Angeblich ist nur ein Drittel des gesamten Steins sichtbar.

Die Aussicht ist Phänomenal, auch wenn hier eigentlich ein riesiges Gebiet zerstört wurde. Die Form des Sees lässt es schon vermuten. Hier wurde 1960 ein Staudamm gebaut und grosse Teile der Dörfer mussten abgebrochen und umstrukturiert werden.

Guatapé selbst ist wie schon erwähnt ein Traum für alle die, die es gerne farbig und verspielt mögen. Ein etwas verquerer einheimischer Mann zeigte uns die schönen hundertjährigen Fassadenverzierungen im Innenhof seines Anwesens. Während wir uns mit ihm unterhielten, wollte er uns die Bruchbude verkaufen und erzählte uns, dass alle Fassaden zur Strasse hin neu wären.

Die Regierung hat den Bewohnern vor ungefähr zehn Jahren Farbe und Zement zur Verfügung gestellt und ihnen das Dekorieren der strassenseitigen Fassaden befohlen. Ob dies als Touristenattraktion geplant war, das wissen wir nicht. Auf jeden Fall haben sich die Bewohner an die Arbeit gemacht und sich nicht lumpen lassen. Die Dekorationen sagen viel über das Geschäft, die Familie oder die Tradition aus.

Wer hat noch nicht genug? Das Farbenschauspiel ging in Salento gleich weiter. Hier haben sich die Bewohner jedoch eher an einfachen geometrischen Mustern orientiert. Das Dorf hat nur 7000 Einwohner und ist ziemlich ruhig. Wir genossen es hier richtig und schlenderten immer und immer wieder durch die Gassen. Gleich am zentralen Platz "Simon Bolivar" liegt die Kirche "Señora del Carmen", wenn das kein gutes Zeichen ist?

Salento und die Region rund herum ist bekannt für die vielen Wanderausflüge. Eine der bekanntesten Wanderungen geht ins Valle Cocora. Wir genossen richtig ohne Guide unterwegs zu sein! Nur wir zwei alleine wanderten erst durch das sonnige Grasland...

...und danach einem Bach entlang durch den schattigen Bergregenwald. Wir kreuzten diesen Bach bestimmt 5 bis 6 mal über Hängebrücken oder Baumstämme die einem jedes Mal ein Stossgebet abverlangten.

Hinten im Tal angekommen, tranken wir eine heisse Schoggi mit Käse im "Hummingbird Cafe". Ja das ist hier Tradition. Da hört sich Käse auf Nutellabrot gleich nicht mehr so komisch an was? Vielleicht habe ich südamerikanische Wurzeln...

Auf deutsch heisst Hummingbird Kolibri und solche sieht man hier duzende. Die Besitzer dieses kleinen Lokals haben Futterstellen für die kleinen Brummer aufgehängt und so kann man die schönen Vögel von ganz nahem beobachten.

Auf dem Berggrat geht es anschliessend zurück zum Ausgangspunkt des Tals. Hier oben verläuft eine Bergstrasse und wir sehen nun auch, dass wir nicht die Einzigen sind. Die meisten scheinen nur den einfachen Teil zu den Palmen zu machen. Denn wegen den Wachspalmen ist dieses Tal so beliebt. Die Wachspalme ist der Nationalbaum Kolumbiens und wird bis zu 60 Meter hoch. Alleine ein Palmwedel ist schon 5,5 Meter lang! Es war echt beeindruckend unter diesen Palmen zu stehen. Wer findet Carmen?

Um das Tal zu erreichen, muss man sich einen solchen Jeep schnappen. Diese fahren sehr regelmässig hin und her, haben aber keinen fixen Abfahrtzeitpunkt. Das System ist jedoch einfach. Sobald mindestens zwölf Personen da sind, quetscht man sich hinein oder steht hinten auf die Stossstange und los geht es.

Cali war für uns ein kleiner Hitzeschock! Wie kann eine so heisse Stadt zum Salsa Mekka mutieren? Zum Glück kühlt es am Abend regelmässig ab und so macht das mit dem Tanzen auch wieder etwas Sinn. Das einzige was uns jedoch von Cali geblieben ist, sind die wohl besten Pommes mit sauren Zwiebeln und Pulled Pork auf einer hübschen Dachterrasse mit Blick zum "Cerro de las tres cruces". Dies ist der Hausberg mit unzähligen Antennen und drei riesigen violett leuchtenden Kreuzen auf dem Gipfel.

Von der Hitze zurück in die Kälte. Pasto liegt auf 2500 Meter über Meer und bietet nicht viel Sehenswertes. Eigentlich wollten wir von hier aus eine Wanderung zur Laguna Verde in einem Vulkankrater machen. Erst vor Ort entdeckten wir die Tatsache, dass die Lagune seit 2017 geschlossen ist. Wir waren überrascht, dass dies kaum irgendwo im Internet und in keinem Reiseführer erwähnt wurde. Angeblich bleibt sie auf unbestimmte Zeit geschlossen, weil einige Touristen den für die indigene Bevölkerung heiligen Ort nicht respektierten.

Ipiales auf 2900 Meter über Meer war unser letzter Stop in Kolumbien. Von hier aus besuchten wir die Las Lajas Kirche, welche in einer Schlucht auf einer Brücke erbaut wurde. Sie ist ein wichtiger Wallfahrtsort für Kolumbianer sowie Ecuadorianer. Die erste hölzerne Kapelle wurde um 1754 gebaut und entwickelte sich über fünf unterschiedliche Gebäude zum heutigen 150 Meter hohen Bauwerk.

Aber was wäre ein solcher Ort ohne ein bisschen Farbe? In der Nacht wird die Kirche kunterbunt beleuchtet, im Innern gibt es eine Krypta mit Discobeleuchtung und der Weg zur Kirche ist gesäumt von Jesus-Souvenirs und verkleideten Lamas.

In rekordverdächtigen 60 Minuten fuhren wir vom Hotel zur Grenze, kriegten den kolumbianischen Ausreisestempel, tauschten unser Geld, liefen über die Brücke, kriegten den ecuadorianischen Einreisestempel, schnappten uns ein Taxi und fuhren zur Busstation in Tulcan. Aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Blog.

Wir geben zurück ins Studio.

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