Durch die kanadischen Rockies

Mittlerweile haben wir ein gutes Gefühl von der Grösse von Kanada erhalten. Nicht stundenlang sondern tagelang kann man hier durch denselben Wald, dieselbe Landschaft fahren. Unglaubliche 42 Prozent des Landes sind bewaldet, dass ist beinahe ein Zehntel des weltweiten Waldgebiets! Und wenn wir schon dabei sind mit riesigen Zahlen um uns zu werfen: Kanada hat über 2 Millionen Seen! Wow. Kein Wunder hat es hinter jedem Baum einen See.


Das letzte Mal haben wir euch Haines gezeigt und von dort geht es über den Chilkat Pass weiter nach Whitehorse. Über diesen Pass wanderten früher die Tlingit und handelten im Inland mit den dortigen First Nations und an der Küste mit den Europäern und Russen. Während dem Goldrausch kamen jedoch so viele Europäer an, dass über kurz oder lang der Pass auch von ihnen benutzt wurde und schlussendlich eine Strasse entstand. Die Passfahrt war wunderschön und weil wir noch ein bisschen Zeit und Sitzfleisch übrig hatten, machten wir einen Abstecher zum Kluane National Park. Dieser gehört zusammen mit dem US-amerikanischen Wrangell-St.Elias National Park in Alaska zu einem der grössten zusammenhängenden Schutzgebiete der Welt.

Whitehorse ist nach den Stromschnellen benannt, die aussahen wie die Mähnen weisser Rösser, aber jetzt durch ein Wasserkraftwerk ersetzt wurden. Die Ausbeutung der Natur und die Ausbreitung des Menschen sieht man hier leider auch um jede Ecke. Da wird gerodet, gebohrt, gepumpt und geschossen was das Zeug hält. Manchmal hat man das Gefühl, dass nur dank der unglaublichen Weite, soviel Natur übrig geblieben ist. Wie zum Beispiel der Gray Mountain, den wir während einem Schönwetterfenster bestiegen.

Seit Haines Junction bis hier her und noch weiter, fahren wir auf dem (weltberühmten) Alaska Highway. Weil die Amis im zweiten Weltkrieg schiss vor den Japanern hatten, haben sie mit Kanada einen Deal abgeschlossen und eine Militärstrasse quer durchs Land getrieben. Da in der Zwischenzeit die Japaner tatsächlich die Aleuten (Inselkette von Alaska) angriffen, wurde das unglaubliche Projekt von über 2000 Kilometer in nur gerade 7 Monaten umgesetzt. Da wundert man sich schon manchmal bei der einen oder anderen Baustelle in unseren Breitengraden. Mehr als 10’000 Soldaten durften bei Temperaturen von bis zu –20° C Bäume fällen, Permafrostböden umgraben und über 200 Brücken bauen. Heute wird die Strasse von Kanada unterhalten und ist mittlerweile komplett asphaltiert und an vielen Stellen begradigt und abgekürzt worden. Einige alte Abschnitte, wie diese alte Holz-Kurven-Brücke, sind nur noch für Fussgänger geöffnet.

Die Fahrt an sich ist hier oft ziemlich eintönig und das Navi lässt uns für über 100 Kilometer in Ruhe, nur um uns anschliessend zu sagen, dass wir gerade über die Kreuzung müssen und weitere 100 Kilometer der schnurgeraden Strasse folgen können. Da ist ein Schilderwald eine gelungene Abwechslung und definitiv einen Halt wert. Wer sich Zuhause manchmal über einen Schilderwald am Strassenrand beklagt, der hat wohl noch nie einen solchen Schilderwald gesehen:

Und wenn wir es grad von Schildern haben. Immer wieder tauchen sie auf und warnen uns vor jeglichen Wildtieren. Vor Caribous, Elchen, Hirschen, Dickhornschafen, Bären oder allen zusammen und obwohl wir voller Hoffnungen die Büsche mit unseren Blicken röntgen, bleibt der Strassenrand meist leer. Als wir also auf dem Highway am Achtung-Bison-Schild vorbei fuhren, machten wir uns einen Spass daraus und fotografierten es. «Immerhin ein Bisonbild. Jetzt fehlt nur noch ein richtiger Bison.» «Haha!»

Zack! Bisonherde am Strassenrand?!

Phu, da kriegt man schon ein bisschen Herzklopfen, wenn so riesige massige Tiere direkt neben dem Auto stehen. Selbst wenn sie ziemlich lethargisch gewirkt haben.

Nach soviel Aufregung brauchten wir eine Entspannung. Völlig unerwartet liegt direkt an der Strasse eine der schönsten Hot Springs, die wir je besucht haben. Für nur 5 kanadische Dollar, konnten wir über den schönen Steg in ein Wäldchen gehen, wo aus einer natürlichen Quelle in ein beinahe natürliches Becken, heisses Wasser strömt. Da das gesamte Areal in einem Feuchtgebiet liegt, rinnt vom natürlichen Beckenrand kontinuierlich kaltes Wasser hinein. Dies führt dazu, dass man ganz unterschiedliche Strömungen hat und das Wasser auf Brusthöhe super heiss ist und an den Füssen kühl.

Im Muncho Provincial Park und Stone Mountain Provincial Park fuhren wir an schönen Seeufern entlang und übernachteten direkt am Wasser. Auf dem Weg trafen wir auf weibliche Dickhornschafe, die leider keine für diese Art typischen gedrehten Hörner haben. Wir hatten super schöne Rundumblicke vom Summit Ridge und sahen auf der Wanderung ganz versteckt ein paar Schneehühner. Hier nennt man sie Ptarmigans und so schwierig wie dies auszusprechen ist, so schwierig sind sie in der Wiese zu finden. Findet ihr alle vier auf dem letzten Bild?

Jep, es sind nur drei zu sehen.

Und jetzt wenden wir den Zeitreisetrick von Carmen an. Augen zu. Langweilige Strecke. Augen auf. Wir sind im Jasper National Park. Einem 11’000 Quadratkilometer grossen Gebiet in den kanadischen Rocky Mountains. Hier und später im Banff National Park verbringen wir die meiste Zeit dieses Reiseabschnitts. Es ist wunderschön hier und weil es so gut zugänglich ist, zieht es natürlich auch super viele Menschen an. Wir sind an den meisten Orten zu Beginn alleine unterwegs, weil wir jeweils schon zwischen 7 und 8 Uhr loswandern.

Auf den Bildern seht ihr die Strasse zwischen Jasper Lake und Talbot Lake. Der linke See ist jedoch nur eine breite, flache Stelle des Athabasca Flusses und gar kein richtiger See. Wie schon an anderen Orten gibt es hier Sanddünen und wären keine Berge rundherum, könnte man sich ans Meer versetzt fühlen.

Der Maligne Canyon ist an einigen Stellen nur 2 Meter breit, dafür 50 Meter tief und ein super starker Touristen Magnet. Es gibt zwei Parkplätze und die reichen oft nicht aus. Wir kamen am späten Nachmittag vorbei und konnten so den Massen etwas entgehen. Die Schlucht an sich ist sehr beeindruckend und so kühl es in der Nähe des Wassers ist, so warm wurde es beim Aufstieg zurück zum Van. Wie die Schlucht entstanden ist, scheint nicht hundertprozentig gelöst. Einige glauben, dass sich das Wasser langsam hinab gegraben hat, andere gehen von einer eingestürzten Höhle aus. Parallel zur Schlucht fliessen nämlich weitere Höhlenbäche, die vom selben See aus starten und am Schluss zusammenkommen.

Vom Miette (Pocahontas) Campground aus machten wir eine super schöne Wanderung auf die Sulphur Ridge und konnten auf dem Rückweg kurz in die Miette Hot Springs hüpfen. Diese Thermalquellen waren nicht wirklich hübsch und wir gingen grösstenteils nur wegen der Dusche hin, da es auf dem Campingplatz keine gibt. Die Plätze liegen hier wunderschön im Wald und jeder hat sein eigenes abgeschirmtes Plätzchen mit Feuerstelle und Picknicktisch. Wir genossen die Zeit hier und eines frühen Abends, als wir bei offenen Hecktüren im Van sassen und lasen, raschelte es im Busch und ein Schwarzbär watschelte keine 5 Meter an uns vorbei! Jetzt wissen wir was es bedeutet, wenn man das Herz in der Hose hat.

Kaum ist er vorbei, schiessen wir auf und schauen ihm durchs Seitenfenster nach. Hier herrscht im Moment Beerensaison, was gleichzeitig Bärensaison bedeutet. Wenn natürlich der ganze Camping voller Beeren ist, kann kaum ein Bär sich zurückhalten. Wir schlichen ihm in gebührendem Abstand nach und schauten zu, wie er weit weg ein paar Beeren ass. Bis wir auf die Idee für ein Foto kamen, hat es nur noch sein Hintern drauf geschafft.

Für den Bald Hills Wanderweg mussten wir früh aufstehen, weil wir erst in ein langes Tal fahren mussten. Am Medicine Lake vorbei bis zum Maligne Lake. Von hier aus kommt das Wasser für den Maligne Canyon ganz vorne im Tal. Auch dieser See ist super beliebt, weil am hinteren Ende die kleine Spirit Island liegt. Der Parkplatz war schon erstaunlich voll. Es stellte sich zum Glück heraus, dass eigentlich alle aufs erste Boot wollten und nur eine Hand voll zum Wandern hier ist. Unser Ziel sind die Bald Hills (glatzköpfige Hügel). Auf dem Weg sahen wir vor allem kleine Wildtiere: Eichhörnchen, Streifenhörnchen, Mäuse, Murmeli und Pikas. Trotz der Ähnlichkeit bei Name und Aussehen hat das Pika nichts mit der Entstehung des berühmten Pikachu zu tun.

Wir hatten natürlich vollkommen unterschätzt, wie viele Menschen hier an einem Wochenende zum Campen fahren. Zwar hatten wir an einigen Schlüsselstellen Reservationen gemacht, aber dazwischen wollten wir improvisieren. Ein Ranger klärte uns auf, dass es rund um Jasper zwar über 1000 Plätze gibt, die aber restlos ausgebucht sind. Dank einer Stornierung am selben Tag, ergatterten wir uns den letzten Platz auf dem Wapiti Campground.

Der Campground trägt nicht umsonst den Namen Wapiti. Hier tauchen mit grosser Zuverlässigkeit immer mal wieder Wapiti auf und machen sich genüsslich über das saftige Gras auf dem Campingplatz her. Da sieht man, vom Geweih tragenden Hirsch bis zum sich kratzenden Jungen, alles.

Wie es sich gehört, gibt es auch hier eine 5-Seen-Wanderung. Perfekt für einen leicht regnerischen Tag. Vom eher kleinen Tümpel bis zum schon recht grossen First Lake gibt es hier sogar mehr als nur 5 Gewässer. Die meisten haben kristallklares Wasser und würden bei besserem Wetter zum Baden einladen.

Auf der anderen Talseite schliefen wir im Whistlers Campground und bestiegen den Whistler Mountain, auf welchem eine Seilbahnstation thront. Dort gönnten wir uns eine Poutine (Kanadisches Nationalgericht: Pommes mit Bratensauce und Käse) und ein Bison Chili, mit Aussicht über das ganze Athabasca Tal und Jasper. Der Grossteil der Leute auf dem Gipfel kommt mit der Seilbahn. Als eine indische Familie hörte, dass wir eine Einzelfahrkarte runter kauften, wurden wir beinahe zur Berühmtheit erklärt und mussten auf der Fahrt erzählen, wie es war und wie viele Berge wir in unserem Leben schon bestiegen haben.

Auf dem nicht ganz so scharfen Bild konnten wir endlich mal einen kompletten Zug festhalten. Schaut euch den Güterzug mal an. Auf einigen der Wagen stehen sogar zwei Container aufeinander! Da steht man eine Weile am Bahnübergang, wenn das Pech zuschlägt. Solche Kompositionen fahren hier super regelmässig. Nur schon zum Zeitpunkt des Fotos, kreuzten sich gerade drei solcher Züge in Jasper.

Die beiden Nationalparks Jasper und Banff sind verbunden durch den Icefields Parkway. Eine Strasse die zwischen majestätischen Bergen und wilden Wäldern, dem grau blauen Athabasca Fluss entlang führt. Das Wasser stürzt sich immer wieder tosend durch enge Fälle und breitet sich wieder gemächlich mit etlichen Armen in der Ebene aus.

Der Name der Strasse kommt vom angrenzenden Columbia Icefield und den Gletscherarmen die zwischen den Bergen hervor lugen. Um das ganze Nordamerika gerecht mit Superlativen zu formulieren: Es ist das aller grösste Eisfeld der Rocky Mountains in Kanada. Es ist nämlich wichtig, immer zu sagen, dass etwas das grösste, längste oder schwerste ist. Und es ist egal, wie stark man danach die geografische Lage einschränken muss.

Das Eisfeld befindet sich an einem Wasserscheidepunkt und je nach dem wo der Schnee fällt, landet das Schmelzwasser am Ende im Pazifik, im Atlantik oder im arktischen Ozean.

Wir schlafen hier bei orkanartigem Wind und bei Eiseskälte in der ersten Reihe.

Am nächsten Tag wandern wir am Morgen auf den Wilcox Pass und am Nachmittag auf die Parker Ridge. Beides wunderschöne Halbtagswanderungen. Vom Wilcox Pass aus, sehen wir auf den Athabasca Gletscherfuss, auf welchen man mit rotweissen Pistenfahrzeug-Bussen fahren könnte. Neben dem Weg erspähten wir ein paar männliche Dickhornschafe. Die sahen richtig cool aus!

Von der Parker Ridge konnten wir noch auf die letzten Überbleibsel des Saskatchewan Gletscher schauen. Beide waren noch vor 40 Jahren um einiges länger und unser Schlafplatz lag damals unter Meter hohen Eismassen.

Auf dem Weg zum Kronjuwel des Banff Nationalpark passierten wir wieder schönste Flusslandschaften und den pittoresken Peyto Lake.

Lake Louise. Wer nicht vor Sonnenaufgang am Parkplatz ist, muss wieder heim. Was für ein Graus. Unser Wecker klingelt um 6 Uhr, wir lassen alles liegen und fahren zum See. Nach dem wir einen Parkplatz ergattert haben, packen wir das Bett zusammen, essen Frühstück und machen uns bereit für die Wanderung. Alles nur für einen See…

Der Ansturm ist riesig. Aber wir merken schnell, dass etwa 60 Prozent der Besucher nur ans Ufer stehen, Fotos schiessen, Souvenirs kaufen, ins Resti sitzen und wieder gehen. Weitere 20 Prozent gehen am Seeufer entlang. Etwa 15 Prozent wandern bis zum ersten Teehaus am Lake Agnes und die restlichen 5 Prozent besteigen den Big Beehive und wandern bis zur Plain of Six Glaciers. So verteilen sich die im Sommer bis zu 15‘000 Besucher pro Tag. Wir hatten auf jeden Fall nach anfänglichem Schock eine sehr ruhige Wanderung, bis wir am Seeufer wieder auf die Massen trafen. Und ganz ehrlich, bei diesem Naturspektakel können wir den Reiz schon verstehen. (Fotos: Mirror Lake 1, Lake Agnes: 3 und 6, Lake Louise: 5 und 9)

Was wir nicht ganz verstehen können ist der Hype um Lake Moraine. Er ist auch super schön klar und die Wanderung hat uns auch sehr gut gefallen, vor allem weil auch dort nicht viel los war. Aber wir haben gelesen, dass der Parkplatz hier jeweils schon um 5 Uhr Morgens voll ist?! Zum Glück gibt es ein Park and Ride Angebot, dass in etwa gleich viel wie der Parkplatz gekostet hat. So machten wir uns gar nicht erst die Mühe einen Platz zu erkämpfen und genossen das Ausschlafen und die kurze Busfahrt. Vom See aus wanderten wir zum Sentinel Pass und zurück.

Nun haben wir beide genug vom Wandern und fahren schnurgerade aus dem Gebirge nach Osten, lassen Calgary rechts liegen und landen in der Prärie oder wie es hier auch genannt wird: Badlands.

Und so sieht es auch aus. Alles ist flach, trocken und staubig. Der Horizont ist immer in einen Dunst gehüllt und die Sonne geht als knallrote Kugel auf und wieder unter. Es ist super heiss und die Luft ist voller kleiner schwarzer Käfer.

Unser Ziel liegt aber in einem erstaunlich hübschen Tal. Der Red Deer Fluss hat sich eine Schlucht in den Boden gefressen und dabei schon beinahe Kunst zurückgelassen. Die Erdsäulen werden Hoodoos genannt.

Der Fluss hatte aber nicht nur schöne Erdschichtenstreifen an den Klippen freigelegt. In dieser Region fand man unzählige Dinosaurierknochen aus allen erdenklichen Zeitaltern. Deshalb steht hier im Nirgendwo (Drumheller) das Royal Tyrrell Dinosaurier Museum mit der grössten Sammlung an vollständigen Dino-Skeletten. (Achtung: Nicht alle Dinos auf diesen Bildern sind Originale, manche sind ganz oder zum Teil gegossene Kopien. Manchmal weil sie nicht alle Knochen fanden und manchmal, weil Teile noch bei den Wissenschaftlern auf dem Pult liegen. Aber zum Beispiel das T-Rex Skelett unten rechts ist bis auf den Kopf echt, dieser liegt daneben in einem Schaukasten, weil er zu schwer für die Konstruktion gewesen wäre.)

Aus einem Land vor unserer Zeit kommen wir zurück, düsen nach Calgary, sehen viele verrückt angezogene Leute an der Pride Parade, rasen weiter in den Süden, geben unsere zwei weissen, brandgefährlichen Hühnereier an der Grenze ab und sagen tschüss Kanada, schön wars!


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