Bear aware in Canada

Kanada, ein Land, dass man erleben muss und man nicht auf Fotos festhalten kann. Wir können diesen Roadtrip durch die unendlichen Weiten schwerstens empfehlen und wir haben euch natürlich trotzdem Fotos mitgebracht. Das Gefühl, mitten im Nirgendwo zu sein, ist jedoch selbst für unsere Köpfe kaum zu fassen. Umso schwieriger diese Dimensionen auf einem Bild festzuhalten. Stellt euch vor, ihr fahrt einfach stundenlang auf einer schmalen Strasse, Hügel hoch, Hügel runter, um riesige Seen, an Flüssen entlang und der Wald auf beiden Seiten nimmt kein Ende. Links und rechts strecken sich die dünnen Nadelbäume wie Soldaten aneinander gereiht gegen den Himmel. Die Bäume machen dabei nur kleinen Teichen, Sumpfgebieten oder Flüssen Platz und klettern den Bergflanken hoch, bis sie von Fels und Geröll gestoppt werden. Und trotz dieser scheinbar leeren Weite fährt man wie auf Nadeln, immer gespannt, ob gleich ein wildes Tier aus dem Gestrüpp springt. Mal fährt man einen ganzen Tag ohne nur eine Kreatur zu sehen und ein anderes Mal kommt man kaum vorwärts. Da sieht man Schwarzbären die Beeren von den Sträuchern fressen, Elche die Pflanzen vom Teichgrund grasen oder Füchse, die sich auf der Strasse sonnen.

In der Nähe von Vancouver überqueren wir die Grenze und machen uns dort für den Trip in Kanada bereit. Von den etwa 37 Millionen Einwohnern, leben 2.5 hier in der Stadt und Umgebung. Mit den grösseren Städten von der Ostküste im Hinterkopf wird schnell klar, dass die theoretische Bevölkerungsdichte von 4 Personen pro Quadratkilometer im Norden noch viel tiefer liegt. Aber erst mal stürzten wir uns ins Getümmel und spazierten durch den riesigen Stadtpark, schauten einen Film im Kino und kauften uns das eine oder andere Souvenir.

Ausgeschlafen, aufgetankt und ein bisschen aufgeregt machen wir uns auf in den hohen Norden. Unser Weg führt uns zuerst am Howe Sound entlang nach Squamish und Whistler. Wobei beides Wanderdestinationen sind und Whistler vor allem für Skibegeisterte ein Begriff sein dürfte. Hier haben sie zwei grosse Skigebiete mit einer Gipfel zu Gipfel Seilbahn zu einem riesigen Skigebiet fusioniert. (Skigebiet: Whistler-Blackcomb, Seilbahn: Peak 2 Peak Gondula)

Wir beschränkten uns auf eine kurze aber extrem schweisstreibende Wanderung auf den Stawamus Chief. Es ist zwar ein nur 605 Meter hoher Granitblock aber der Weg ist gerade mal 1.3 Kilometer lang und entsprechend steil. Es fühlte sich zum Ende eher so an, als hätten wir ein Treppenhaus bestiegen. Dafür gibt es zum Schluss nach ein paar Kletteraktionen mit Seil, ein tolles Felsplateau mit Rundblick.

Von hier aus fuhren wir ein ziemliches Stück, hielten hier und da und genossen das brummen des Motors und die vorbeiziehende Landschaft. Zuerst den Sea-to-Sky-Highway (99) und anschliessend den Cariboo Highway (97) bis Quesnel. Auf der Strecke durchfährt man wohlklingende Ortschaften wie «70 Mile House» oder «100 Mile House». Wenn unser Sitzfleisch sich langsam verkrampfte, machten wir immer mal wieder einen kleinen Stop und lockerten alles auf. Beim Spazieren wird es hier nie langweilig. Da findet man mit Glück eine schmale Hängebrücke über tosende Gewässer und mit Pech eine noch nervenaufreibendere Holzbrücke über ebenso wildes Wasser.

In den grossen Wäldern wirken alte verfallene Häuser gleich noch viel grusliger und von diesen gibt es hier nicht wenige. Oft findet man in der Nähe verrostete alte Fahrzeuge und sonstige Hinterlassenschaften. In der Nähe von Whistler fanden wir sogar Überreste eines ehemaligen Zugunglücks.

All diese Hinterlassenschaften stammen oft von ehemaligen Wilderern oder Goldsuchern. Von Quesnel aus führte uns eine Seitenstrasse nach Bakerville. Dies war die ehemalige Goldrausch-Hauptstadt von British-Columbia. Sie wurde 1863 gegründet und hatte bald über 5000 Einwohner. Es wurden Kirchen, Schulen, Läden, Pubs, Hotels gebaut, es gab einen Coiffeur, einen Zahnarzt und natürlich ein Bordell. Sogar ein Chinatown entstand am Ende des Dorfs und bis zuletzt wohnten über 1000 Chinesen hier. Der Goldrausch schwand jedoch wie an vielen anderen Orten, mit dem sinkenden Preis und den kleiner werdenden Funden, dahin. Die verlassene Stadt wurde 1958 von der Provinz wieder renoviert und in ein tolles Freiluftmuseum umgewandelt. Wir genossen hier einen halben Tag, schlenderten durch die über 125 Gebäude und fühlten uns in der Zeit zurückversetzt. Auf dem Rückweg sahen wir unseren ersten Elch!

Spulen wir etwas vor. zzzrrrh Wald zrrrh Wald zrrrh Dorf zrrrh Wald zrrh Wald. Stop. Wir sind in Smithers. Ein kleines hübsches Dörfchen im Nirgendwo aber direkt auf unserer Route. Wieso sind wir hier und bleiben 2 Tage? Rückblick: Vor ziemlich genau 3 Jahren im September 2019 machten Carmen und ich uns auf eine mehrtägige Tour durch die Salzwüste Uyuni im Südwesten von Bolivien. Auf dieser Tour lernten wir Amelie und Enrique kennen, die aus Quebec kommen. Wir verstanden uns auf Anhieb super und unser steckengebliebenes Auto in der Salzwüste schweisste uns noch mehr zusammen. Sie planten damals eine ganzjährige Reise mit Start im Frühling 2020. Und aus all bekannten Gründen mussten sie diese absagen und starteten einen neuen Versuch in diesem Jahr. Da Australien und Neuseeland aber erst langsam ihre Grenzen aufmachen, volontieren sie zuerst 6 Monate in einer Tierauffangstation, in Smithers! Was für ein schöner Zufall! Wir trafen uns also mit ihnen, gingen zusammen wandern und essen und sie luden uns sogar ein, die Auffangstation anzusehen. Dank der Erlaubnis der Besitzerin durften wir einige der Tiere beobachten und das war echt cool! Fotos sind nicht erlaubt, weil sie in der Vergangenheit schon schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Aber die Erinnerung an den Babybiber oder die rund 15 umhertollenden Babyschwarzbären, die bleibt für immer. Sie haben auch junge Elche, ein Reh, einen Fuchs und einige Kleintiere. Die werden alle mit möglichst wenig menschlicher Interaktion aufgezogen und im darauffolgenden Jahr ausgesetzt. In der Station haben sie aber auch einen Puma und einen Luchs, die leider nie mehr ausgewildert werden dürfen.

In Smithers selbst steht sehr präsent ein Alphornbläser und das Motiv eines Alphorns findet man hier immer wieder. Wieso wissen wir nicht aber wir fanden es lustig.

Gleich um die Ecke liegt Witset und die drei Dörfer Hazelton, New Hazelton und South Hazelton, in welchen viele First Nations leben und walten. In Witset waren wir echt beeindruckt, wie die Einheimischen hier fischen. Der Fluss drängt sich durch eine super dünne Stelle und hier wo in eine Richtung super viel Wasser fliesst, kämpfen sich die Lachse in die andere. Perfekt also, um mit einem Netz die Fische abzuschöpfen, wenn nur nicht alles so steil und rutschig wäre.

Leider hatte das Historical Village in Hazelton aus Personalmangel geschlossen und wir konnten alles nur von aussen, ohne Hintergrundinformationen anschauen. Covid hat hier ziemliche Schneisen durch die Gastronomie und Tourismusgeschäfte geschlagen. Überall fehlen Angestellte und vieles hat entweder zu oder verkürzte Öffnungszeiten.

Von hier aus fahren wir weiter auf dem Stewart-Cassiar-Highway (37). Wobei Highway ein grosses Wort ist, für eine Hauptstrasse ohne Seitenstreifen. Hier fährt man aber auch nicht, um so schnell wie möglich Kilometer liegen zu lassen. Hier fährt man, um möglichst viele Tiere zu sehen. Das ist aber natürlich nicht wie im Zoo und man fährt manchmal einen Tag ohne ein Tier zu sehen und an einem anderen sahen wir in 3 Minuten 3 Schwarzbären. Diese Bärenart ist aber ultra schüchtern und verschwindet sofort, wenn man die Fahrt verlangsamt.

Wir zweigten hier ab und fuhren nach Stewart an die Pazifikküste. Das Dorf liegt am Portlandkanal und ist der nördlichste, eisfreie Hafen von Kanada. Hier gibt es eigentlich nicht viel und das Wetter zeigte sich auch von seiner nassen Seite. Was macht man also hier? Die Antwort liegt über der Grenze. Hier können wir das erste Mal die Grenze zu Alaska überqueren. Dahinter befindet sich Hyder, die freundlichste Geisterstadt Alaskas. Von hier kommt man per Strasse nirgendwohin ausser nach Kanada und trotzdem mussten wir jedes Mal wieder durch die Grenzkontrolle. Wir überquerten die Grenze fünfmal und mussten jedesmal die gleichen Fragen beantworten. Es fühlte sich an wie ein Loriot Sketch.

In Stewart lebten mal 10‘000 und in Hyder 250 Menschen. Heute sind es etwa 500 und 50. Viele Häuser mussten wegen der Gezeiten auf Pfählen gebaut werden und die sind mittlerweile das einzige, was von den meisten Gebäuden noch sichtbar ist.

Die paar Pfähle im Sumpf sind aber nicht der einzige Grund unserer Grenzüberquerung. Weiter hinten im Tal befindet sich der Fish Creek, wobei der Bach hier sehr seicht ist und die perfekten Bedingungen für die Lachse zum laichen schafft. Dieser Teil des Bachs befindet sich in einem geschützten Park und ein Steg führt dem Wasser entlang. Im Wasser wimmelt es nur so von unterschiedlichen Lachsen. Unter diesem Namen gibt es viele Arten und drei davon laichen hier. Sie sind bis zu einem Meter lang und sterben, nach dem sie ihre etwa 4000 Eier abgelegt haben. Von all diesen Eiern bis zum ausgewachsenen Lachs, der hier wieder zum Laichen kommt, überleben etwa 2. Und die haben hier beim Laichen auch nicht unendlich Zeit. Denn da tauchte plötzlich was wuscheliges aus dem Gebüsch auf. Wow, ein Grizzly (Braunbär) beim Fischen. Leider fehlte ihm Petrus Segen. Nach ein paar erfolglosen Minuten, ass er einen der vielen Fischkadaver am Rand. An welchem sich auch gerne mal Möwen gütlich tun.

Wo sich der Grizzly super viel Zeit liess, beglückten uns die Schwarzbären nur mit einem super kurzen Auftritt. Die schüchternen Verwandten des grossen Grizzly’s tauchten auf, sprangen ins Wasser, schnappten sich einen Fisch und schon waren sie wieder im Busch.

Durch das viele Warten hatten wir jedoch nicht nur Bärenglück, auch das Wetter besserte sich jeden Tag ein bisschen. Gut haben wir es nicht eilig und können immer wieder grosszügig mit unseren Reisetagen spielen. Zum Vergleich haben wir dasselbe Bild noch einmal bei schönem Wetter gemacht.

Was für eine Aussicht. Und weil das Wetter so gut war, machten wir unseren Ausflug zum Salmon-Gletscher, obwohl wir den schon beinahe wieder von unserer Liste gestrichen hatten. Ein riesen Ding! Er ist etwa 12 Kilometer lang und im Schnitt 1.3 Kilometer breit. Im Vergleich zu den grössten Gletschern der Welt ist er klein aber die Werbebroschüre wirbt mit dem «Grössten Gletcher der Welt, der per Strasse erreichbar ist». Wobei der Begriff Strasse hier auch sehr grosszügig interpretiert wurde und wir nicht mit unserem Van hochfuhren.

Weiter geht es. zzzrrrh Berge zrrrh Wald zrrrh Fluss zrrrh Wald zrrh See. Stop. Ewig lange Geraden und jeder See wie ein Spiegel. Wir sind selbst nach zwei Wochen Kanada immer noch hin und weg. Wir halten am Eddontenajon Lake und am Boya Lake. In beiden wagen wir den Sprung ins kalte Nass. Brrr. Schneller duschen geht nicht. Der Dreck flieht förmlich vor der Kälte. Dazwischen sahen wir wieder Elche und immer wieder Biberbauten, die riesige Seen aufstauen.

Und schaut euch das mal an, derselbe See innerhalb von einem Tag.

Anschnallen. zzzrrrh Wald zrrrh Wald zrrrh Wald zrrrh Wald zrrh Wald. Stop. Habt ihr ganz am Ende des Videos gesehen, wie weit der Wald noch reicht?

Und plötzlich stehen wir vor einer roten Ampel und nach ein paar Minuten fragten wir uns, haben sie das vergessen? Ist hier überhaupt etwas oder werden wir hier übernachten, weil uns niemand holt?

Zum Glück kam kurz vor dem Losfahren wirklich das «Pilot car» und führte uns tatsächlich durch eine Brückenbaustelle. Das wäre wohl unangenehm geworden, wenn wir da einfach hineingefahren wären. Unterwegs begegneten uns Füchse, Bären und weitere majestätische Weisskopfseeadler. Neben dem vielen Wasser überraschte uns in Carcross plötzlich eine kleine Wüste. Wobei eine Infotafel uns schnell zurechtwies und uns erklärte, dass dieser Sand die Überreste eines ehemaligen Seegrundes sind, der seinerseits von einem ehemaligen Gletscher stammte.

Mittlerweile haben wir den Stewart-Cassiar-Highway schon lange hinter uns gelassen, fuhren einen Teil des Alaska Highways (1) in Richtung Westen und bogen Richtung Süden nach Skagway ab. Hier überquerten wir erneut die Grenze in Alaskas «Panhandle» (Pfannenstil). Der Whitepass ist wunderschön und wir genossen ihn bis direkt nach der kanadischen Grenze, denn ab da stürzten wir uns in dichtestes Grau. Im Hintergrund des rechten Bildes sieht man schon den Nebel.

Skagway ist sozusagen das Disneyland des Klondike Gold Rush. Hier haben sie die Hauptstrasse fast schon ein bisschen zu intensiv hergerichtet aber das tut dem Charme nicht all zu viel ab. Zuerst gab es hier nur die Hütte von Moore (einem Deutschen, der hier das grosse Geld machen wollte und den richtigen Riecher hatte) gefolgt von einer riesigen Zeltstadt von Goldsuchern, die über den Pass zum Klondike wollten. Daraus entstand nach und nach die Stadt Skagway mit allem was die Goldsucher brauchten. Mittlerweile gibt es keine Goldsucher hier dafür Touristen. Das Dorf hat etwa 1000 Einwohner und wird jedes Jahr von einer Million Touris überflutet. Wobei sich das beinahe komplett auf die Sommermonate beschränkt. Im Hafen hat es Platz für unglaubliche 4 Kreuzfahrtschiffe und da kommen zur Hauptsaison pro Tag gut und gerne über 10’000 Besucher zusammen. Während unserem Aufenthalt waren alle drei Tage, drei neue Schiffe im Hafen.

Wir entkamen den Massen auf unserem sehr rutschigen und buschigen Aufstieg auf den AB Mountain. Von wo wir einen super Blick über das Fjord hatten. Und zu den Dyea Flats, im benachbarten Fjord, wo wir auf Bärenbesuch hofften, aber keiner Zeit hatte.

Mit der Fähre fuhren wir eine Stunde durchs Fjord nach Haines. Einem weiteren sehr kleinen Dorf, welches aber von den meisten Kreuzfahrtschiffen gemieden wird. Was für die einen wohl positive und für andere eher negative Auswirkungen hat. Wir genossen es, wurden dann aber doch überrascht, weil hier auch plötzlich ein Schiff stand. Wir bekamen aber nicht viel von den Passagieren mit. Wir wanderten ein bisschen und fuhren zum Chilkoot Fluss. Dort wandern jeden Tag auch hunderte von Lachsen hoch und wo es Lachse hat, ist die Chance gross einen behaarten Fischer zu finden. Und wir konnten es kaum fassen als wir sie erspähten! Auf einer Wehr, die zur Zählung der Lachse installiert wurde, marschierte eine Bärenmama mit drei! jungen Grizzlybären. Wir konnten ihnen mehrere Minuten in Ruhe zuschauen, wie sie mal hierhin und mal dahin kletterten. Die Bärenmutter blieb jedoch selbst nach mehreren Versuchen erfolglos und so trotteten sie wieder zurück in den Wald.

Auf unseren Wanderungen in Skagway und Haines fanden wir wohl perfekte Pilzbedingungen. Überall schossen die farbigen Gewächse in die Höhe, mal alleine und mal in riesigen Gruppen. Von ganz kleinen zu solchen, die Tellergross waren. Hier ein paar hübsche Exemplare zum Abschluss.

Wir möchten uns an dieser Stelle für den Regen bedanken, denn nur darum konnten wir uns Zeit nehmen, diesen Blog zu schreiben. Schöne Grüsse aus Whitehorse.



70 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

US-Rocks rock!